19.09.2001

Flickenteppich des politischen Islam

Von Claudia Dantschke und Eberhard Seidel

Startseite
taz


In Deutschland bemühen sich die unterschiedlichsten Gruppen aus dem radikalen Spektrum des Islam um Einfluss unter den Muslimen.

Die Islamische Gemeinschaft - Milli Görüs (IGMG) ist die größte Organisation des politischen Islam in Deutschland. Sie ist der europäische Ableger des türkischen Islamisten-Führers Necmettin Erbakan. Milli Görüs propagiert ein antisäkulares, antizionistisches und antisemitisches Weltbild. Die IGMG unterhält gute Beziehungen zu Vertretern der CDU und setzt bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele vor allem auf die Erringung der kulturellen Hegemonie. Finanziell unterstützt wird sie von islamischen Holdings. Nach eigenen Angaben verfügt die IGMG europaweit über 82.137 Mitglieder, organisiert in 511 Moscheevereinen, Jugend-, Universitäts- und Frauengruppen. Funktionäre der IGMG unterhalten Verbindungen zur multinationalen Muslimbruderschaft, der palästinensischen Hamas, zu Scientology und zum libyschen Revolutionsführer Gaddafi.

Der Verband der islamischen Vereine und Gemeinden (ICCB) ist eine radikal-islamistische Vereinigung türkischer Sunniten mit derzeit rund 1.100 Mitglieder. Er wurde 1983 von Cemaleddin Kaplan ("Chomeini von Köln") als radikale Abspaltung von Milli Görüs gegründet. Kaplan (gest. 1995) rief zum Glaubenskrieg gegen die Türkei auf. Im Streit um die Nachfolge sprach der Sohn, Metin Kaplan, gegen den Berliner Arzt Halil Ibrahim Sofu eine Todes-Fatwa aus. 1997 wurde Sofu von einem Killerkommando ermordet. Kaplan wurde im letzten Jahr zu vier Jahren Haft verurteilt. Im Oktober 1998, zum 75. Jahrestag der Gründung der Republik Türkei, hatten etwa 30 Kaplan-Anhänger geplant, sich mit einem Flugzeug auf das Atatürk-Mausoleum in Ankara zu stürzen.

Die Islami Haraket (Islamische Bewegung) hat sich 1989 von der ICCB abgespaltet. Sie gilt als deutscher Ableger der türkisch-sunnitischen Terrororganisation Hizbullah, die für zahlreiche Morde in Südostanatolien verantwortlich ist. Die Organisation hat in Deutschland rund 300 Mitglieder. Sie agitiert gegen die "kapitalistischen und zionistischen Teufel" und glorifiziert das Märtyrertum.

Der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) mit Sitz in Köln hat rund 20.000 Vereinsmitglieder. Die VIKZ betreibt 315 Moscheevereine in Deutschland. Nach langen Jahren der Distanz zur deutschen Gesellschaft öffnete sich der VIKZ zwischen 1993 und 2000. Auf Anweisung des aktuellen Führers Ahmet Arif Denizoglu, einem ehemaligen Abgeordneten der türkischen Refah-Partei, wurde der Dialog vor einem Jahr abgebrochen. Im August 2000 trat der VIKZ aus dem Zentralrat der Muslime aus.

Auf 20.000 Personen wird in Deutschland die Anhängerschaft von Fethullah Gülen geschätzt. Gülen ist charismatischer Führer der so genannten Nurculuk-Bewegung (Schüler des göttlichen Lichts). Die Bewegung geht auf Said Nursi (1876-1960) zurück, einem entschiedenen Gegner des türkischen Laizismus. Gülen, der lange als Vertreter eines moderaten Islam galt, hat sich inzwischen als Stratege einer islamistischen Unterwanderung des türkischen Staates entpuppt. Um einer Verhaftung zu entgehen, hat er sich im März 1999 in die USA abgesetzt. Gülen herrscht über 200 Stiftungen in 54 Ländern, rund 200 Privatschulen und 500 Studentenheime und findet seine Anhänger vor allem unter Intellektuellen.

Etwa 400 Anhänger der algerischen Islamischen Heilsfront (FIS), der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) und der 1996 in Algerien gegründeten Salafistischen Gruppe für die Verkündigung und den Kampf (GSPC) leben in Deutschland. Sie unterhalten Verbindung zur Mudschaheddin-Bewegung von Ussama Bin Laden. Im Dezember 2000 und Anfang 2001 wurden in Frankfurt am Main Anhänger der GSPC verhaftet. Ihnen wird vorgeworfen, Anschläge in Straßburg vorbereitet zu haben.

Die Jihad Islami (Islamischer heiliger Krieg) ist eine ägyptische Terrororganisation. Mitglieder und Funktionäre nutzen Deutschland als Rückzugs- und Ruheraum.

Der Islamische Bund Palästina (IFB) wurde 1981 in München gegründet und unterhält in Berlin ein islamisches Kultur- und Erziehungszentrum als zentrale Begegnungsstätte. Der IFB ist der palästinensische Zweig der sunnitischen Muslimbruderschaft und gilt als Sammelbecken der Hamas-Anhänger in Deutschland. Die rund 250 Mitglieder rufen zu antiisraelischen Demonstrationen und Spendensammlungen auf. Spendenverein der Hamas ist der Al-Aqsa e.V. in Aachen. Verbindungen der Hamas bestehen zu türkischen Islamisten, vor allem zu Milli Görüs.

Die schiitische Hizb Allah (Partei Gottes) wurde 1982 im Libanon als radikal-islamistische Bewegung gegründet. Ziel ist ein islamischer Staat nach iranischem Vorbild. Sie propagiert als wichtigste Waffe im Kampf gegen den Zionismus Selbstmordoperationen. In Deutschland beschränkt sie sich auf ideologische Schulungen und antiisraelische Demonstrationen.

Die arabischen Panislamisten der Hizb-ut-Tahrir (Partei der Befreiung) propagiert den Kampf der muslimischen Weltgemeinde (Ummah) vor allem gegen Israel und die USA. Die Hizb-ut-Tahrir ist in Deutschland vor allem an Unis aktiv.

Die Pasban-e Khatm-e nabuwwat (PKN) ist eine radikal-islamistische Strömung aus Pakistan. Seit 1998 ist die PKN auch in Baden-Württemberg aktiv. Dort terrorisiert sie vor allem Mitglieder der angeblich vom "wahren Glauben abweichenden" pakistanischen Gruppierung der Ahmaddiya. Ihr Zentrum ist in Heilbronn der Verein "Vorposten der Khatme Nabuwwat". Bei Auflösung des Vereins fällt das Vereinsvermögen Milli Görüs zu.


Alle Rechte an Inhalt, Gestaltung, Fotos liegen bei den AutorInnen. Direkte und indirekte Kopien, sowie die Verwendung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der AutorInnen.