Ratlos, zornig, aber ohne Gegenwehr:
wie die Anhänger des "Kalifen von Köln" die Auflösung
ihres Staates erleben.
Der Niehler Kirchweg in Köln-Nippes
ist weiträumig abgesperrt. Hunderte Polizisten sichern den Ort, der
bis heute ein selbst ernannter Staat im Staate war: den
"Kalifatsstaat" Metin Kaplans. Um sechs Uhr am Morgen war
dem "Kalifen von Köln" in seiner Düsseldorfer Zelle das
Verbot seines islamistischen Verbandes mitgeteilt worden, kurz danach
begann der polizeiliche Großeinsatz.
Ohne Widerstand öffneten die rund dreißig
Gläubigen, die sich zum Morgengebet eingefunden hatten, den Beamten
die schwere Eisentüre, die bis dahin ihr Reich vom Rest der Welt
trennte - dass die Polizisten in ihren Stiefeln das Gotteshaus
betreten, sorgte kurzzeitig für Verstimmungen.
Fünf Stunden später stehen einige immer noch vor ihrem
Vereinszentrum und schauen zu, wie sich immer mehr Journalisten
einfinden, um dem Ende ihres "Staates" beizuwohnen. Im
Inneren hat unterdessen die Räumung begonnen.
Alles, was nicht niet- und nagelfest
ist, wird in große Kartons gepackt: Büromöbel, Computer, sogar das
Brot der vereinseigenen Bäckerei wird sorgsam verpackt. Unzählige
Umzugslastwagen warten darauf, sie abtransportieren zu können. Auch
die auf dem Gelände geparkten Autos werden beschlagnahmt.
Nein, kommentieren wollen die
umherstehenden Kaplan-Anhänger die Aktion nicht. Nur einer, Iman Ömer,
ein junger Vorbeter, redet. Doch nicht vom Verbot und der Räumung -
vom großen Islam spricht er. Und vom Paradies, in dem die Jungfrauen
warten und niemand mehr zu arbeiten braucht.
Von der anderen Seite des
Gebäudekomplexes aus, auf der Neusser Straße, ist der Kalifatsstaat
nur schwer zu erkennen. Ein groteskes Ambiente: Eingeklemmt zwischen
einem Karnevalsmarkt und den "Kölschen Bierstuben" mit
Schweinshaxen im Angebot befindet sich der von der Polizei stark
gesicherte Hintereingang zu dem islamistischen Gottesstaat im Exil.
Eine große Bande des früheren
Inhabers prangt über ihm: "M. Rupietta - Auspuff - Bremse -
Stossdämpfer". Darüber wehen zwei Fahnen des Kalifatstaats.
Nicht mehr lange. Auch hier ist ein großer Möbelwagen vorgefahren.
Etwa zehn Kaplan-Anhänger beobachten das Treiben.
Einer von ihnen ist Ismael Binyasar.
Auf der Pressekonferenz des Kalifatsstaats Anfang November war er noch
als Sprecher des Verbandes aufgetreten, hatte entschlossen erklärt,
der Islam sei prinzipiell nicht mit der Demokratie vereinbar. Jetzt
bleibt er schweigsam. Nur ein kurzer Satz entfährt Binyasar:
"Ich sage nichts."
Wie alle hier Versammelten. Ihre
Stimmung ist bedrückt. Einer jedoch kann doch nicht länger
schweigen. "Das werdet ihr bezahlen!", ruft der Mann
wutentbrannt in Richtung der Einsatzkräfte. Und noch einmal:
"Das werdet ihr bezahlen!" Er zeigt mit dem Finger in den
Himmel. "Allah sieht alles!"
Die Polizisten und die Möbelpacker
bleiben ruhig und ignorieren den Mann mit dem Koran in der Hand. Ein
Beamter trägt einen Müllbeutel mit Lebensmitteln aus dem Gebäude.
Aus der Tüte tropft Ayran, türkischer Trinkjogurt. "Scheiße",
murmelt der Polizist. Seine Kollegen grinsen.
Eine Mutter, die vorbeigeht, erklärt
ihrer etwa 12-jährigen Tochter, was aus ihrer Sicht hier geschieht:
"Das ist eine türkische Moschee, die wird aufgelöst."
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