02.11.2001

Der "Kalifatstaat" der Kaplans:
Skurrile Fanatiker

Von Pascal Beucker

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Metin KaplanAuch mit dem "Sicherheitspaket II" zur Terrorprävention der Bundesregierung können islamistische Extremisten nicht generell ausgewiesen werden.

Muntasir-billah ist ein überzeugtes Mitglied des "Kalifatstaats". Aus dem Gefängnis schreibt er glühende Briefe an Metin Kaplan und seine Gemeinde: "Möge Allah, Subhanahu wa Ta'ala, unseren Kalifen beschützen und unserer Bewegung eine dynamische Weiterentwicklung zuteil werden lassen!" Er ist einer derjenigen islamistischen Extremisten, die CSU-Chef Edmund Stoiber lieber heute als morgen aus der Bundesrepublik ausweisen lassen will. Die "erste Nagelprobe" für das "Sicherheitspaket II" sei, "dass der selbst ernannte Kalif von Köln und die 1.100 Mitglieder seines so genannten Kalifatsstaats mit Hilfe des neuen Rechts ausgewiesen werden können", hat der bayerische Ministerpräsident verkündet. Diese Nagelprobe wird das Paket nicht bestehen können - wegen Menschen wie Muntasir-billah.

Denn Muntasir-billah ist deutscher Staatsbürger. Anfang der 90er Jahre machte er unter seinem bürgerlichen Namen Bernhard Falk zusammen mit seinem ebenfalls zum Islam konvertierten Genossen Michael Steinau als Antiimperialistische Zelle (AIZ) Schlagzeilen. 1999 verurteilte ihn das Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) unter anderem wegen mehrfach versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren. Während des gesamten Prozesses zur moralischen Unterstützung im Zuschauerraum an seiner Seite: eine Abordnung des "Kalifatstaats".

Der "Kalifatstaat" Metin Kaplans ist die schillerndste Erscheinung des politischen Islam in der Deutschland. Wenn seine Mitglieder zur zentralen Moschee des Verbandes auf dem Niehler Kirchweg in Köln-Nippes pilgern, fallen sie alleine schon durch ihre exotische Kleidung auf: Die Männer tragen Turban, weite Mäntel und Pluderhosen, die Frauen meist einen schwarzen Ganzkörperschleier. Über sich selber sagen sie: "Ein jeder von uns ist ein freiwilliger Soldat, ein natürlicher Stab der islamischen Armee."

Cemaleddin KaplanEntstanden ist die skurrile Vereinigung aus einem Streit über den richtigen Weg: Reform oder Revolution? 1983 brach Cemaleddin Kaplan, der Vater Metins und langjährige Mufti von Adana, mit dem türkischen Islamistenführer Necmettin Erbakan und dessen deutschem Ableger Milli Görüs. Während Erbakan, der seinen Weggefährten 1981 persönlich in die Bundesrepublik geschickt hatte, auf den Marsch durch die Institutionen und eine schrittweise Islamisierung setzte, propagierte Kaplan den gewaltsamen Umsturz zur Verwirklichung des angestrebten Gottesstaates in der Türkei. Als Vorbild diente ihm dabei die erfolgreiche islamische Revolution 1979 im Iran. Am 13. August 1983 verkündete Kaplan, der zuvor zwei Jahre Vorsitzender der Fatwa-Kommission von Milli Görüs gewesen war, mit einer Grundsatzpredigt seine Abspaltung von Milli Görüs. 

Der "Khomeini von Köln" gründete den "Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e. V." (ICCB), den er 1992 in "Islamischer Bundesstaat Anatolien" (AFID) umbenannte. Zwei Jahre später proklamierte er den "Kalifatstaat" (Hilafet Devleti). Öffentliches Aufsehen erregte der islamistische Verein erstmals 1988, als die Stadt Köln eine von Kaplan gegründete "Medrese", ein "religiöses Internat", gegen den erbitterten Widerstand der Bewohner zwangsräumen ließ. Bereits im Jahr zuvor hatte die Stadt Kaplan mit einem politischen Betätigungsverbot belegt. Gegen seinen Sohn verhängte der Kölner Oberstadtdirektor eine entsprechende Ordnungsverfügung im August 1996.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes traf sich bereits Mitte der 90er-Jahre eine Delegation der Islamistenorganisation mit Ussama Bin Laden in einem afghanischen Camp. Kaplan soll versucht haben, Bin Laden von der Gründung eines gemeinsamen "Kalifatsstaats" zu überzeugen. In der Verbandszeitung Ümmet-I Muhammed wurde 1997 auch über ein Zusammentreffen von "Botschaftern" des Kalifatstaats mit Taliban-Führern berichtet. 1998 soll es zu einem Gegenbesuch gekommen sein.

Ende Oktober 1998 vereitelten türkische Sicherheitskräfte zwei Sprengstoffanschläge auf eine Moschee in Istanbul und auf das Atatürk-Mausoleum in Ankara, die von der Kaplan-Gruppe geplant gewesen sein sollen. 25 Personen wurden festgenommen, unter ihnen auch aus der Bundesrepublik angereiste Anhänger des "Kalifatsstaats". Sie sollen ein Privatflugzeug gechartert haben, um es anlässlich der 75-Jahr-Feier der Republikgründung mit Sprengstoff beladen in einer Selbstmordaktion auf das Mausoleum zu stürzen.

Konnte der 1995 verstorbene Cemaleddin Kaplan zu seinen Hochzeiten rund 7.000 Anhänger um sich scharen, schrumpfte der streng hierarchisch organisierte "Kalifatstaat" unter Sohn Metin, seinem wenig charismatischen Nachfolger als "Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime", inzwischen auf gut 1.100 Gläubige. Davon kommen 550 aus Nordrhein-Westfalen, vor allem aus der Kaplan-Hochburg Köln. Der NRW-Verfassungsschutz konstatiert dem Verband in seinem Zwischenbericht 2001, sich "organisatorisch in einem zerrütteten Zustand zu befinden, da mit Ausnahme von Gedenkveranstaltungen kaum noch Aktionen bekannt werden."

Nicht unmaßgeblich dazu beigetragen hat die Inhaftierung Metin Kaplans am 25. März 1999. Nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft verurteilte ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf am 15. November 2000 zu einer Haftstrafe von vier Jahren, weil er in Ümmet-i Muhammed und auf zwei Veranstaltungen eine Todesfatwa gegen seinen Rivalen, den Berliner Arzt Halil Ibrahim Sofu, ausgesprochen hatte. "Gegenkalif" Sofu war daraufhin am 8. Mai 1997 in seiner Wohnung in Berlin-Wedding von einem Killerkommando ermordet worden. Kaplans mitangeklagter Schwager Hasan Basri Gökbulut erhielt drei Jahre. Den Prozess bezeichneten die Kaplan-Anhänger als "Holocaustversuch gegen die Religion und die Muslime überhaupt". Nach Ansicht Kaplans, der bereits ein Jahr zuvor wegen antisemitischer Äußerungen vor Gericht gestanden hatte, sind weltliche Gesetze allerdings ohnehin nur "wie eine Wischwegtafel". Denn der Mensch sei nicht auf die Welt gekommen, "um Gesetze zu machen, sondern nur deswegen, um den Gesetzen Allahs Folge zu leisten".

Der Bundesgerichtshof zeigte sich jedoch wenig beeindruckt von dieser Sichtweise. Erst am Donnerstag vergangene Woche bestätigte er die Urteile gegen Kaplan und seinen Schwager. Gökbulut, der als rechte Hand Kaplans gilt, ist trotzdem in Freiheit: Er tauchte noch während der Düsseldorfer Verhandlung unter und ist seitdem auf der Flucht. Er wird noch mit einem weiteren Mord in Verbindung gebracht: Seine Ehefrau starb durch einen Genickschuss. Sie hatte sich vor ihrem Mann in ein Frauenhaus geflüchtet und soll gedroht haben, Interna der Organisation zu verraten.

Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierten die Anhänger Kaplans die neueste Ausgabe von Ümmet-i Muhammed. Darin versucht sich der 48-Jährige vom Terrorismus zu distanzieren, in dem er an einen Text seiner Gruppe von 1995 erinnert: "Ein Muslim ist niemals ein Terrorist, und ein Terrorist ist niemals ein Muslim! Denn beide sind zwei verschiedene Angelegenheiten, die einander zuwiderlaufen!" Es wird ihm nichts nützen: Sein Verband wird möglicherweise noch in diesem Jahr zwangsaufgelöst. Bereits als Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) am 5. September seine Pläne für die Abschaffung des Religionsprivilegs aus dem Vereinsgesetz präsentierte, erwähnte er den „Kalifatstaat“ als exemplarisches Beispiel für zu verbietende extremistische Vereinigungen, "die sich als Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften tarnen". Zudem scheint es beschlossene Sache zu sein, den „Kalifen“ nach Verbüßung seiner Haftstrafe umgehend in die Türkei auszuweisen. 

Auch wenn es der Bundesregierung gelingen sollte, Metin Kaplan in die Türkei abzuschieben - die Kaplans bleiben Deutschland erhalten. Denn seine drei Kinder sind deutsche Staatsbürger. Wie sein Vater hat allerdings auch Sohn Fatih zur Zeit Ärger mit den deutschen Behörden: Er hat seine Einberufung bekommen. Doch Fatih hat Widerspruch eingelegt, er will nicht zur Bundeswehr. Dabei könnte die Schlagzeile seinem Vater gefallen: "Bundeswehr bildet Kaplans Sohn militärisch aus."



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