30.04.2002

Startseite
Jungle World

*   Im Nebel des Djihad
Von Pascal Beucker, Dirk Eckert und Yassin Musharbash

Ob es wirklich eine Terrorgruppe al-Tawhid gibt, ist auch nach den Festnahmen der vergangenen Woche unklar.

Die Konturen bleiben verschwommen. Wer verbirgt sich hinter der islamistisch-palästinensischen Bewegung al-Tawhid, deren deutsche Zelle in der vergangenen Woche ausgehoben worden sein soll? So spektakulär die Polizeiaktionen und Festnahmen waren, so vage sind bis heute die Informationen von der Bundesanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt, wer ihnen da eigentlich ins Netz gegangen ist.

So ist es bislang unklar, welche Straftaten die vermeintliche deutsche al-Tawhid-Zelle tatsächlich begehen wollte. Die Haftbefehle gegen acht der 13 festgenommenen Männer im Alter zwischen 25 und 38 Jahren wurden erlassen wegen der Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Nach Paragraf 129a des Strafgesetzbuches gilt eine Vereinigung nur dann als terroristisch, wenn sie ganz bestimmte Straftaten begehen will. Es handelt sich um Mord, Totschlag, Geiselnahme, Brandstiftung, Sprengstoffanschläge oder gefährliche Eingriffe in den Luftverkehr. Welche davon die mutmaßlichen al-Tawhid-Mitglieder planten, haben die Ermittler bisher nicht mitgeteilt.

Es habe, so formulierte es Generalbundesanwalt Kay Nehm am Donnerstag voriger Woche, Anhaltspunkte dafür gegeben, »dass die Angehörigen der Zelle dazu übergehen wollten, Anschläge in Deutschland zu begehen«. Konkrete Anschlagsziele seien dabei allerdings noch nicht ins Visier genommen worden. Zwei Tage zuvor hatte er noch von »ernsthaften Hinweisen, dass eine Tat im Planungsstadium war«, gesprochen. Bei der Durchsuchung von insgesamt 21 Objekten wurden jedoch lediglich Propagandavideos für den »Heiligen Krieg«, falsche Papiere, PCs und Handys sowie eine Faustfeuerwaffe sichergestellt.

Einen Bericht des Tagesspiegel, die Gruppe habe im vergangenen Herbst einen Anschlag auf den Berliner Atomreaktor des Hahn-Meitner-Instituts geplant, dementierte die Bundesanwaltschaft umgehend.

Aus dem nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz heißt es, einige der Beschuldigten hätten eine militärische Ausbildung in Afghanistan absolviert. »Das ist Fakt«, sagte ein Sprecher des Verfassungsschutzes zur Jungle World. Nach Ansicht von Nehm war der deutsche al-Tawhid-Ableger bisher vor allem mit der Fälschung von Pässen und Reisedokumenten, der Durchführung von Spendensammlungen und der Schleusung von Kämpfern aus Afghanistan befasst. Als Kopf der bislang in der Bundesrepublik völlig unbekannten Gruppierung gilt der festgenommene 36 Jahre alte Palästinenser Mohamed Abu D. aus Essen.

Hinter al-Tawhid soll sich nach Nehms Worten »weniger eine Gemeinschaft oder Organisation als vielmehr eine ideologisch-religiös ausgerichtete Bewegung Gleichgesinnter verbergen, die auf der Grundlage eines aggressiv-militanten islamischen Fundamentalismus den weltweiten Djihad aller Glaubensbrüder fördert und unterstützt«. Die Bedeutung der sunnitisch-palästinensischen Bewegung, deren Wurzeln in Jordanien lägen, sei »in der Achse Afghanistan-Jordanien-Palästina-Deutschland« zu sehen.

Doch gibt es wirklich eine al-Tawhid-Terrorbewegung? Das Problem besteht darin, dass sich islamische Gruppen, Organisationen und Moscheegemeinden auf der ganzen Welt »al-Tawhid« nennen, ohne Verbindungen miteinander zu unterhalten. Der erste Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses wird al-Tawhid genannt und lautet: »Es gibt keinen Gott außer Gott.«

Die jetzt ins Fadenkreuz der Fahnder geratene als al-Tawhid bezeichnete »Bewegung« soll sich in Europa als loses Netzwerk in der Umgebung des »spirituellen Führers« Abu Qatada gebildet haben. Damit ist wohl Omar Mahmud Abu Omar gemeint, ein jordanischer Staatsbürger palästinensischer Herkunft, der in einer Londoner Moschee in der Baker Street predigt. Abu Qatada, der seit 1993 als politischer Flüchtling in Großbritannien lebt und in seinem Heimatland Jordanien im Zusammenhang mit einer Serie von Bombenanschlägen im Jahr 1998 wegen Mordes in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, ist einer der einflussreichsten Djihadisten in Europa. Qatada gilt als »Botschafter bin Ladens in Europa«, er hat Verbindungen zu ihm bislang jedoch immer bestritten.

Ein »Abu Qatada« wird auch in einer Publikation des Washington Institute for Near East Policy vom Ende des vergangenen Jahres im Zusammenhang mit einer Organisation namens al-Tawhid genannt. So sollen im Juli 2001 Mitglieder zum Training in al-Qaida-Camps nach Afghanistan geschickt worden sein. Ob es sich dabei um dieselbe Gruppe und denselben Abu Qatada handelt, ist jedoch unklar. Im Februar dieses Jahres ist Abu Qatada untergetaucht und die britischen Behörden haben seine Konten gesperrt.

Als »operativen Führer« brachte Nehm einen ebenfalls abgetauchten Abu al-Zarqawi ins Spiel, der in Afghanistan ein Ausbildungslager betrieben haben soll. Hinter dem Namen al-Zarqawi dürfte sich der Jordanier Abu Musaab Zarqawi alias Ahmad Nazzal Khalayleh verbergen. Er ist einer der mutmaßlichen Anführer der al-Qaida-Organisation und soll zu Beginn des Militäreinsatzes der USA in den Iran geflohen sein und dort nach Erkenntnissen des israelischen Geheimdienstes Anschläge in Israel planen.

Unklar ist bisher, ob al-Tawhid Verbindungen zu zwei anderen militanten Gruppen gleichen Namens hat. Die eine ist Teil der kurdischen Fundamentalistengruppe Jund al-Islam, »Soldaten des Islam«. Sie wurde im Herbst letzten Jahres »mit dem Segen und der Unterstützung« von Ussama bin Laden gegründet, wie der britische Guardian unter Berufung auf arabische Presseberichte schrieb.

Die Jund al-Islam agiert im Nordirak und wird mit politischen Morden und Massakern in Verbindung gebracht. Hervorgegangen ist die Gruppe aus der Islamic Unity Movement of Kurdistan (IUMK). Nach ihrer Gründung rief sie zum 'Heiligen Krieg' gegen »säkulare und abtrünnige Kräfte auf, die auf die Gelegenheit warten, den Islam und die Muslime von Kurdistan niederzukämpfen und die bösartigen Pläne von jüdischen, christlichen und allen anderen abtrünnigen Führern umzusetzen«.

Die Kurdistan Democratic Party (KDP), die zusammen mit der Patriotic Union of Kurdistan (PUK) die kurdischen Gebiete in der Flugsverbotszone im Nordirak kontrolliert, beschuldigt die Jund al-Islam, den Gouverneur von Arbil, Francois Hariri, ermordet zu haben. Er war Führungsmitglied der KDP und wurde am 18. Februar auf offener Straße erschossen. Die PUK wiederum warf Jund al-Islam nach dem 11. September vor, Verbindungen zu al-Quaida zu unterhalten.

Die andere al-Tawhid-Gruppe ist bekannter. Die »Islamische Einheitsbewegung« Harakat al-Tawhid al-Islami war bis Mitte der achtziger Jahre im libanesischen Bürgerkrieg aktiv. 1985 wurde die islamistisch-sunnitische Gruppe, die mit der PLO verbündet war, jedoch von der syrischen Armee weitgehend zerschlagen. Seitdem gilt sie als unbedeutend.

Ihr Generalsekretär Bilal Schaaban dementierte inzwischen, dass seine Organisation Verbindungen nach Deutschland unterhalte. Die Nachrichtenagentur AP zitierte ihn mit den Worten: »Wir haben keine Filialen außerhalb Libanons.«

 


© Pascal Beucker. Alle Rechte an Inhalt, Gestaltung, Fotos liegen beim Autor. Direkte und indirekte Kopien, sowie die Verwendung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung des Autors.