02.11.2001

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG):
Glauben bewegt

Von Pascal Beucker

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Mehmet Sabri Erbakan / Foto: Ute Moschner/VersionMilli Görüs stellt sich als gemäßigte islamische Vereinigung dar. Doch die Verflechtungen mit dem radikalen Islamismus sind nicht zu übersehen.

Das soll also der Chef einer Organisation sein, die der niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel in einem Atemzug mit Kaplans „Kalifatstaat“ und der Hamas nennt und zu den „den Sympathisanten von Bin Laden" zählt? Ein Verbot wäre „in keiner Weise gerechtfertigt“, sagt Mehmet Sabri Erbakan mit ruhiger Stimme. „Meine Gemeinschaft hat sich nie gegen irgendeinen Inhalt der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gewandt - ganz im Gegenteil: Wir haben für die Türkei und für viele andere Länder genau diese freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wie wir sie in Deutschland vorfinden, gefordert.“ Seine Gemeinschaft, dass ist die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) und Mehmet Sabri Erbakan ist ihr Vorsitzender.

Natürlich verurteile er die Anschläge von Washington und New York, sagt Erbakan. „Mein Verständnis von Religiösität ist vor allem ein tiefes Verständnis von Pazifismus - gerade auch aufgrund der islamischen Lehre.“ Antiwestliche und antidemokratische Ressentiments? „Dass hier und da ein Ressentiment beim Einzelnen existiert, mag sein“, räumt Erbakan freimütig ein, „aber bei dessen Überwindung muss auch die Politik helfen, in dem sie den Zugang von Muslimen zur politischen Willensbildung erleichtert.“

Nein, wie ein gemeingefährlicher islamistischer Eiferer wirkt Mehmet Sabri Erbakan wirklich nicht Mit einem Metin Kaplan, dem „Kölner Kalifen“, hat der gelernte Internist so gar nichts gemein. Nicht einmal einen Bart trägt er und natürlich spricht Erbakan perfekt deutsch – so perfekt, wie das für einen in Köln geborenen Rheinländer möglich ist. Der Neffe des früheren türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan gilt als das größte politische Talent unter Deutschlands muslimischen Funktionären. Mit 13 übernahm er das erste Amt in der Jugendabteilung der Milli Görüs, mit 28 war er Generalsekretär, im April diesen Jahres übernahm er den Vorsitz des Verbandes. Als „eine Art Cem Özdemir des Islam“, bezeichnete ihn die „Zeit“, ein Kollege der „Rheinischen Post“ fand eine noch treffendere Bezeichnung für den eloquenten 34-Jährigen: „Gysi der Islamisten.“ Er kann sich und Milli Görüs perfekt verkaufen. Nur glauben sollte man ihm nicht unbedingt immer.

Der Verein, dem Erbakan vorsteht, ist die größte und wichtigste Interessenvertretung der in Europa lebenden Türken. 1971 in Braunschweig auf Anweisung Necmettin Erbakans unter dem Namen Türkische Union Deutschland e.V. gegründet, trägt der Verband nach einigen Transformationen und Umbenennungen seit 1994 seinen heutigen Namen: „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“. Der Begriff „Milli Görüs“ - „Religiöse Nationale Weltsicht“ - geht auf ein 1973 veröffentlichtes gleichnamiges Buch Erbakans zurück, in dem er seine Perspektive und Strategie zur Errichtung einer islamischen Republik in der Türkei darlegt.

In einer Selbstdarstellung gibt Milli Görüs an, im Herbst 2000 über 30 Gebietsorganisationen, 511 Moscheevereine, 1.091 Zweigstellen, 2.137 Jugend-, Frauen- und Uni-Vereine, 17.841 Vorstandsmitglieder und 252.000 Gemeindemitglieder verfügt zu haben. Die Jugendabteilung umfasse 33.546, die Frauenabteilung 14.622 und die Studentenabteilung „mehr als 2.517“ Mitglieder. Die Namen der einzelnen Vereine, die Milli Görüs zuzurechnen sind, gibt der Verband allerdings nicht preis. Seine im August vergangenen Jahres gemachte Zusage, der taz eine Liste der Mitgliedsvereine zu übergeben, hielt Mehmet Sabri Erbakan nicht ein. So kommen denn auch die Journalisten Eberhard Seidel, Claudia Dantschke und Ali Yildirim in einer Studie zu der Schlussfolgerung: „Milli Görüs belügt die Öffentlichkeit seit Jahren systematisch über den wahren Charakter ihrer Organisation, ihre Verbidnung zu Hunderten von Tarnorganisationen, ihr Verhältnis zum türkischen Islamistenführer Necmettin Erbakan.“

In der Tat ist die im nordrhein-westfälischen Kerpen ansässige Milli Görüs bis heute eng mit der islamistischen Bewegung Erbakans in der Türkei verbunden. Die Bande zu dem nach dem immer noch mit einem Betätigungsverbot belegten Politiker sind dabei nicht nur familiäre. Dass es eine enge organisatorische und personelle Verbindung zwischen Milli Görüs und den jeweiligen Parteien Erbakans in der Türkei gibt, bestreitet die IGMG allerdings vehement. Es müsse „zwischen der Milli Görüs als Organisation und Milli Görüs als Bewegung“ unterschieden werden, so Mehmet Sabri Erbakan. Sein Onkel, der sich im vergangenen Jahr auf dem IGMG-Jahreskongress im Müngersdorfer Stadion in Köln von 40.000 begeisterten Anhängern feiern ließ, sei nur „Führer dieser geistigen Bewegung“. Dabei sind die Verflechtungen offensichtlich: So zog der damalige IGMG-Vorsitzende Osman Yumakogullari als auch sein Stellvertreter Asim Genc alias Abdullah Gencer1995 für Erbakans Refah-Partei ins türkische Parlament. Der seinerzeitige Generalsekretär Ali Yüksel verpasste den Sprung das Abgeordnetenmandat nur knapp. Für den damaligen Wahlkampf der inzwischen verbotenen islamistischen Partei hatte die IGMG in der Bundesrepublik Millionenbeträge gesammelt.

Die Leugnung organisatorischer Zusammenhänge gibt Sinn: Das türkische Parteiengesetz verbietet Auslandsorganisationen. Es gibt allerdings noch einen anderen Grund: Die Verbindung zwischen IGMG und Necmettin Erbakan dient den deutschen Verfassungsschutzbehörden als ein zentrales Argument zur Überwachung der Organisation. Denn der 74-Jährige ist nach wie vor ein strikter Gegner des Gesellschaftsmodells einer säkularisierten Demokratie und kämpft für die Ablösung der laizistischen Staatsverfassung in der Türkei durch einen auf dem Koran und der Scharia basierenden islamischen Gottesstaat. Daraus schlussfolgert beispielsweise der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz, die IGMG habe sich auch in der Bundesrepublik „zum Ziel gesetzt, für die Muslime auf der Scharia basierende Minderheitenrechte durchzusetzen“.

Davon findet sich in den offiziellen Stellungnahmen von Milli Görüs selbstverständlich nichts. So nennt die Organisation als ihre Ziele nur „die umfassende Organisation des religiösen Gemeindelebens (Gottesdienste, Religionsunterricht, religiöse Feste, Pilgerreisen, religiöses Schrifttum, Imamausbildung)“ und „die gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung mit den anderen Religionsgemeinschaften“. Seit Mitte der 90-er Jahre achtet die IGMG auch darauf, dass sich in ihren Publikationen und in Funktionärsäußerungen nicht mehr früher übliche offen antiwestliche Hetze und antisemitische Ausfälle finden lassen. Ein Umdenken bedeutet das jedoch noch nicht. So erklärte das ehemalige Milli Görüs-Vorstandsmitglied Hasan Özdogan, heute Vorsitzender des IGMG-dominierten Islamrats in Deutschland, im Mai 2000 auf einer Veranstaltung in Berlin: Man würde deshalb auf antisemitische Artikel, wie sie früher in der Milli Görüs-Zeitung Milli Gazete erschienen sind, heute verzichten, weil man gemerkt habe, dass antisemitische Äußerungen, die in der Türkei üblich seien, in Deutschland verboten sind.

Sigmar Gabriel hat angekündigt, zusammen mit dem bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber so schnell wie möglich ein Verbotsverfahren gegen Milli Görüs in Gang bringen zu wollen. Es könnte trotz der Abschaffung des Religionsprivilegs im Vereinsgesetz ein peinlicher Reinfall werden. „Die von Milli Görüs vertretenen Islamisten sind Rechte im europäischen Sinne, die sich in ihrem Weltbild irgendwo zwischen Deutscher Volksunion (DVU), der FPÖ des Österreichers Jörg Haider und dem rechten Flügel der CSU bewegen“, schreiben Seidel, Dantschke und Yildirim. So gebe es viele Gemeinsamkeiten mit deutschen Konservativen: In Fragen der Familienpolitik, der Abtreibungspolitik und in der Frage gesellschaftlicher Werte.

Die Folge: Bereits seit einiger Zeit kümmern sich gerade christdemokratische Politiker um die Nähe zu der islamistischen Organisation, die ihnen Wählerstimmen unter den eingebürgerten Migranten bringen kann. So statteten beispielsweise der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma und die CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen dem letztjährigen Kölner IGMG-Jahreskongress ihren freundlichen Besuch ab. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Lamers, war im Jahr davor da. Auch er zeigte sich äußerst angetan. Mit ihnen dürfte Stoiber einiges zu diskutieren haben.



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